Stell dir vor du siehst eine Box auf der steht ,,Nicht öffnen!“ und plötzlich willst du nur noch eins: Diese Box öffnen! Warum provozieren strikte Verbote manchmal genau das Verhalten, das sie verhindern sollen – und warum handeln Menschen manchmal aus Prinzip gegen ihre innere Einstellung?

Was man hier beobachtet ist ,,Reaktanz“- ein Phänomen aus der Sozialpsychologie, das beschreibt, was passiert, wenn sich Menschen in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen. Von Natur aus hat jedes Individuum das Bedürfnis autonom zu handeln und frei Entscheidungen zu treffen. Werden diese Möglichkeiten jedoch bedroht oder eingeschränkt, sei es durch soziale Zwänge, Verbote oder autoritären Einfluss, so entsteht ein aversiver motivationaler Erregungszustand, der darauf abzielt diese eingeschränkte Freiheit wiederherzustellen.

Warum erleben wir manche Verbote als Bevormundung und andere nicht?

Gesellschaftliche Regeln und politische Implikationen sollten in erster Linie dazu dienen das menschliche Miteinander zu strukturieren, sodass sich wiederum jedes Individuum in seiner persönlichen Freiheit entfalten kann. Das mag kontrovers klingen, aber erklärt, warum sich Menschen in der Regel an Gesetze halten, ohne diese als massive Einschränkung wahrzunehmen. Dennoch gibt es auch genug Gegenbeispiele, wie beispielsweise die Maßnahmen während der Corona Pandemie, die von vielen als erhebliche Freiheitsberaubung erlebt wurde. Der Psychologe Jack Brehm stellt hier einige modulierende Faktoren heraus, die darüber entscheiden, ob eine Person auf Regelungen mit Reaktanzverhalten reagiert oder unter dem Druck doch eher zur Anpassung neigt. Bei der Corona-Pandemie mag die Schwere und Schlagartigkeit der Maßnahmen bewirkt haben, dass sich die Menschen in ihrer Freiheit massiv bedrängt gefühlt haben. Zudem bestimmen individuelle Persönlichkeitsunterschiede, wie ein stark ausgeprägtes Autonomiebedürfnis, auch mit wie stark die Reaktanz ausfällt.

Falls du dich also schonmal gefragt hast, warum du einer Anweisung partout nicht gehorchen wolltest, obwohl du inhaltlich eigentlich zustimmen würdest, hast du hier eine mögliche Erklärung. Aus Trotz entgegengesetzt handeln, obwohl man eigentlich d’accord wäre, nur um die eigene Selbstbestimmung wiederherzustellen- das ist Kernmerkmal der Reaktanz!

Wo erleben wir Reaktanz im Alltag?

Ein klassisches Beispiel sind Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen und ihnen Alkohol oder Rauchen verbieten. Die Sorge ist absolut gerechtfertigt, vor allem wenn es um Minderjährige geht und um ein junges Alter, in dem der Konsum von Suchtmittel besonders schlechten Einfluss auf körperliche und mentale Entwicklung hat. Jedoch ist hier Vorsicht geboten. Aus eigener Beobachtung  kann ich sagen, dass oft gerade die Jugendlichen am meisten konsumieren und sich am wenigsten unter Kontrolle haben, deren Eltern ihnen das strikt verboten hatten. Es ist eben paradoxerweise oft so, dass Verbote das Unerlaubte noch attraktiver machen- Reaktanz eben!

Wie gehe ich als Elternteil also stattdessen vor? Erstmal ist es natürlich wichtig dem Jugendlichen ein gutes Vorbild zu sein. Verständlicherweise wird sich der Teenager fragen, warum er selbst nicht zur Zigarette greifen darf, wenn es seine Eltern doch jeden Tag tun. Außerdem sollte man auf Aufklärung statt Verbote setzen. Wird ihm selber bewusst, welche schlechten gesundheitlichen Auswirkungen der Konsum von Rauschmitteln auf ihn hätte, so ist es gleich unwahrscheinlicher, dass er es selbst überhaupt will. Anstatt ein striktes ,,Nein, ich verbiete dir das!“ auszusprechen, ist es besser positive Werte zu vermitteln. Gleichzeitig sollte man ein gesundes Vertrauen in den Heranwachsenden haben, dass er eigenverantwortlich vernünftige Entscheidungen trifft – dabei aber auch Verantwortung und mögliche Konsequenzen bewusst machst.

Was wir daraus vielleicht lernen können..

Das Wissen darüber, dass es das Phänomen der Reaktanz gibt ist  allgemein wichtig, um einerseits zu vermeiden, diesen Zustand in anderen auszulösen. Bestimmt wolltest du schonmal jemanden überzeugen, hattest dir kräftige Argumente rausgesucht und trotzdem ließ sich die Person einfach nicht überzeugen. Die bittere Wahrheit ist hierbei, dass rationale Argumente allein in vielen Situationen so gut wie nichts bringen. Versteh mich nicht falsch, es ist definitiv sinnvoll einer Person gute Argumente vorzulegen, aber mit der falschen Kommunikationsstrategie entfalten diese nicht ihre volle Wirkung. Viel Einfühlvermögen ist hier der Clue! Versuche dich ernsthaft in dein Gegenüber hineinzuversetzen und gib der Person ein Gefühl von Verständnis. Stelle niemals die Autonomie der Person infrage oder verfange dich in Phrasen wie ,,Ach komm schon“ oder ,,Jetzt sei halt nicht so sturr“. Stets sinnvoll ist es der Person Mitgestaltungsmöglichkeiten zu geben, um so ihre Freiheit aufrechtzuerhalten und sie an Entscheidungsprozessen transparent teilhaben zu lassen, anstatt feststehende Beschlüsse einfach so auf den Tisch zu hauen. Es mag sich verrückt anhören, aber gerade bei emotionalen Themen und wenn du merkst, dass dein Gegenüber bereits in eine Trotzhaltung übergeht, ist empathische Kommunikation deutlich wirksamer als sachliche Argumente.

Jetzt wo du mehr über das Phänomen der Reaktanz Bescheid weißt, achte mal darauf, wie oft sich dieses in alltäglichen Situationen zeigt. Egal ob politische Implikationen, Erziehung, oder einfache Situationen mit Freunden und Familie, diese neuen Erkenntnisse werden dir in vielen Bereichen Durchblick verschaffen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert