Viele werden das Phänomen kennen. Die Deadline für eine Hausarbeit, ein Referat, oder andere alltagsnotwendige Aufgaben steht in ein paar Tagen an und dennoch kommt man einfach nicht in die Gänge endlich mal anzufangen. Die Zeit und die Möglichkeiten sind da, aber dennoch findet man alternative, befriedigendere Aktivitäten und schiebt damit die eigentliche Pflicht auf.
In der Psychologie kennt man das Phänomen unter dem Namen Prokrastination. Also die beabsichtigte Handlung trotz vorhandener Gelegenheit wiederholt zu verzögern, um kurzfristig unangenehme Gefühle (z. B. Angst, Überforderung, Langeweile) zu vermeiden. Dieser Impuls ist menschlich und kommt nunmal vor. Wenn allerdings die Qualität der eigenen Aufgaben stark darunter leidet und man so hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurückbleibt, oder gar seine eigenen Ziele sabotiert, so sollte man das Problem durchaus erkennen und angehen.
Betrachtet man das Problem genauer wird deutlich, dass hinter Prokrastination weit mehr steckt als womöglich Faulheit oder Motivationslosigeit. Mit großer Wahrscheinlichkeit hängt dieses Phänomen auch mit der Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten zusammen. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen so viel mehr Potenzial in sich tragen, als sie im Alltag tatsächlich ausschöpfen. Und das nicht selten, weil sie sich dieses Potenzials einfach nicht bewusst sind. Was wäre wenn Leistungsdifferenzen zwischen den ,,Overperformern“ und Menschen, die oft einfach nicht in die Gänge kommen, nicht durch das subjektive Potenzial zustande kommen, sondern den Willen, sich selbst immer und immer wieder an seine persönlichen Grenzen zu pushen?
Im Alltagsflow, eingespannt in unseren täglichen Routinen, bleibt uns oft kaum Zeit innezuhalten und uns Zeit zu nehmen für persönliche Reflexionen. Schnell verlieren wir dabei den Blick aufs große Ganze. Was ist mir persönlich wirklich wichtig? Wo sehe ich mich in 5, vielleicht sogar 10 Jahren? Und was sind tägliche kleine Schritte, die mich diesen Zielen näherbringen? Also nimm dir doch gerne jetzt einen Moment Zeit und stelle dir selbst diese 3 Fragen.
Was fällt dir auf.
Womöglich musstest du feststellen, dass diese Fragen garnicht so leicht zu beantworten sind. Bei allem was so in einer Woche, einem Monat, geschweige denn in einem Jahr passiert, wie soll man sich schon im Klaren darüber sein, wo man sich in 5-10 Jahren sieht? Vielleicht liege ich aber auch falsch und diese Fragen waren sehr leicht für dich zu beantworten. Dann erstmal Glückwunsch, das ist ein guter erster Schritt, um diese Vorhaben/ Träume auch tatsächlich zu erreichen. Und dennoch muss ich dir sagen, dass du dir diese Ziele wahrscheinlich viel zu niedrig gesetzt hast. Du studierst gerade und siehst dich in 5 Jahren in dieser Branche arbeiten? Du trainierst gerade für einen Halbmarathon und willst diesen in einem halben Jahr mitlaufen? Lass mich dir sagen, dass du diese Vorhaben sicher erreichen wirst, wenn du nur beharrlich dran bleibst. Warum ich das weiß? Weil das mehr oder weniger vorhersehbare Absichten sind. Damit will ich nicht die Qualität bzw. Leistung herunterreden die dahintersteht, das sind definitiv gute und starke Ziele. Aber sie sind eben vorhersehbar, absolut realistisch und stellen damit keine besondere Herausforderung für dich da. Wenn ich dich jetzt nochmal auffordere erneut nachzudenken und dir nun größere Ziele zu überlegen, die etwas außerhalb deiner Vorstellungskraft liegen wird es vermutlich nochmal schwieriger. Das liegt daran, dass unser Gehirn mit einem mentalem Vorstellungsrahmen arbeitet. Liegt ein Ziel außerhalb unserer bisherigen Erfahrung fehlt es uns an einem mentalen Modell dafür und das Gehirn bewertet das Ziel als unrealistisch bzw unwahrscheinlich. Wenn du dich bisher noch nie im Golfen probiert hast, wird dein Gehirn dir sicher sagen, dass es absolut unmöglich ist, in zwei Jahren Regionalmeister in einem Golfclub zu werden.
Des Weiteren ist der Mensch darauf ausgelegt Verlust bzw. Versagen zu vermeiden. Setzt man sich kleinere Ziele, sind diese wahrscheinlicher und wir müssen höchstwahrscheinlich nicht mit einer Niederlage umgehen (das mag das Gehirn nämlich nicht). So wird klar, warum uns ambitionierte Zielsetzung so schwer fällt. Das Gehirn sorgt regelrecht für kognitive Grenzen, die unsere Imagination und in gewissermaßen unser Selbstvertrauen einschränken. Doch was tut man nun dagegen?
Ein weiteres Konzept, das hier einen entscheidenden Einflussfaktor darstellt ist, was man in der Psychologie unter Selbstwirksamkeitserwartung versteht. Selbstwirksamkeit, das heißt: überzeugt zu sein, dass die eigenen Bestreben wirksam sind und in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Und diese Selbstwirksamkeit kommt nicht von irgendwo her, sondern muss, wie andere Muskeln, quasi trainiert werden. So wie Leichtathleten ihre Sprintzeiten stetig verbessern wollen, oder Boxer bewusst stärkere Gegner suchen, ist es auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung entscheidend, sich regelmäßig Situationen auszusetzen, die als Herausforderung wahrgenommen werden. Wie eben schon erwähnt kann der Mensch von Natur aus schlechter mit Niederlagen umgehen, was deutlich macht, warum man solche Situationen eigentlich gerne vermeidet. Denn ein Versagen hierbei könnte ja bedeuten, dass man nicht gut genug ist.
Vielleicht wollen sich manche deshalb auch nicht an ihre Grenzen pushen, weil sie Angst davor haben zu sehen, wo dieser Rand ihrer Möglichkeiten ist. Es ist immer leichter gesagt, dass man ja nicht alles gegeben hat, um so Spielraum für potentiell noch grandiosere Leistungen zu lassen. Als tatsächlich festzustellen, dass voller Einsatz letztendlich nur in mittelmäßiger Leistung gemündet ist. Doch hierbei vergisst du, dass niemanden letztendlich interessiert, wie grandios deine Leistungen sind. Du musst niemandem beweisen, dass noch deutlich mehr in dir stecken würde, wenn du dich nur richtig anstrengen würdest. Was zählt ist, dass du es nicht tust. Und Taten sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Letztendlich tust du es für niemand anderen außer für dich selbst! Warum also nicht mal damit aufhören die Ausreden sein zu lassen, sich selber zu wenig zuzutrauen und stattdessen damit anzufangen sich bis ans Limit zu pushen. Und du wirst merken wie viel mehr tatsächlich in dir steckt.
,,Your comfort zone will kill you.“
Ich bin überzeugt, dass man diese Gehemmtheit überwinden muss, da man in solchen Momenten am meisten wächst. Indem du etwas schaffst (und diese Sache kann ach so klein sein), was du davor nicht für möglich gehalten hättest, beweist du dir nicht nur Selbstwirksamkeit, sondern auch Selbrespekt. Sich selber beim Wort zu nehmen und für sich selbst keine Ausreden zu suchen, ist eine zentrale Voraussetzung eines gesunden Selbstbewusstseins. Wie sollen sich auch andere auf dich verlassen können, wenn nicht mal du selbst dein Wort hältst. Dazu gehört, seine Sportsachen anzuziehen und sich zu bewegen, wenn du dir selbst versprochen hast ab sofort fitter zu werden. Und sich hinzusetzen und zu lernen, statt zu viel Zeit am Handy zu verbringen, wenn du weißt, dass das nunmal gerade für die Prüfung in ein paar Tagen wichtiger wäre. Fange an dir täglich kleine Ziele zu setzen und halte dich daran! Mit der Zeit wirst du lernen, dass du dir selbst vertrauen kannst, wenn du dir etwas vornimmst. Du wirst anfangen dir immer größere Ziele zu setzen und feststellen, dass du jedes einzelne davon mit Bravur meistern wirst. Du wirst merken, wie du ein subtiles, aber ausgeprägtes Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten entwickeln wirst. Selbstwirksamkeit schließt nicht aus in gewissen Situationen Stress und Überforderung zu spüren, oder auch mal Angst und Zweifel zu haben. Das ist nur menschlich. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass du nicht immer einen genauen Plan haben musst. Was zählt ist deine innere absolute Gewissheit, dass du es irgendwie schaffen wirst. Und das ist eine Begleiterscheinung der Selbstwirksamkeit. Es ist uns nicht möglich jegliche Einflüsse um uns herum zu kontrollieren und immer in jeder Situation eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie im Detail wir Wege bestreiten werden. Das müssen wir aber auch nicht. Eine gesunde, bodenständige Selbstwirksamkeit erlaubt uns, neuen Herausforderungen mit Gelassenheit gegenüberzutreten. Beweist du dir immer wieder aufs Neue, dass auf dich Verlass ist und du mit dieser Beharrlichkeit deine Ziele erreichst, so gibt es in jeder folge situation auch keinen Grund an diesem Wirkmechanismus zu zweifeln.
Und so wird es dir dein Gehirn auch erlauben, künftig größere Ziele zu setzen.
Zu viele Menschen verharren in Positionen und Lebensweisen in denen sie unglücklich sind, weil sie denken, sie sind nicht für Größeres bestimmt. Die Wahrheit ist, dass jeder einzelne von ihnen zu so viel mehr fähig wäre. Schon heute kannst du mit kleinen Schritten damit anfangen deine Selbstwirksamkeit auszubauen, dir bewusst zu machen was du wirklich willst und dabei mutig zu sein größer zu denken als bisher.


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