Intuitiv würde wahrscheinlich jeder meinen, dass einem ein Kompliment lieber ist, als auf seine schlechten Seiten hingewiesen zu werden. Wer hört schon gerne, wie unordentlich, unpünktlich oder unsicher er ist. Eine verblüffende Studie aus dem Jahr 1981 von Swann et. al zeigt allerdings, dass es womöglich genau andersrum ist.
In seinem Experiment sollten die Versuchspersonen je eine positive und eine negative Eigenschaft von sich preisgeben. Anschließend bekamen sie Feedback von einer anderen Person, welches entweder inkonsistent (die Person wurde ausschließlich gelobt) oder konsistent (beide genannten Eigenschaften wurden bestätigt) war. Um das kurz zu verdeutlichen: sagen wir eine Teilnehmerin beschrieb sich selbst als selbstbewusst, aber leicht reizbar. In der einen Versuchsbedingung (inkonsistent) sagte ihr nun ein anderer Teilnehmer sie sei wirklich total selbstbewusst und gelassen. In der zweiten Bedingung (konsistent) hingegen, dass sie zwar selbstbewusst ist, aber sich total schnell aus der Ruhe bringen lässt. Daraufhin wurden die Probanden befragt, mit wem sie lieber das Gespräch fortführen würden. Und hier wird es spannend. Was würdest du spontan denken, welche Person der Teilnehmer nach diesen beiden Interaktionen sympathischer fand? Erstaunlicherweise beobachtete man, dass Probanden das Gespräch auf Nachfrage lieber in der zweiten Versuchsbedingung fortführen wollen. Das heißt sie wollten sich lieber mit einer Person weiter unterhalten, wenn diese einen in seinem Selbstbild bestätigt, das heißt zwar die positive Eigenschaft der Person lobte, aber sie gleichzeitig für seine negative Eigenschaft kritisierte. Und das im Vergleich zu der Konversation bei denen sie ausschließlich gelobt wurden.
Diese Studie bildet Fundament der Self-verification-theory von Swann, welche zeigt, dass Komplimente nicht alles sind, sondern Menschen vor allem in ihrer Selbstwahrnehmung bestärkt werden wollen. Dieses Konsistenzstreben eines Individuums begegnet uns zum Beispiel auch, wenn es um die kognitive Dissonanz geht. Zwar ist das Selbstbild, das wir von uns haben vielseitig und verändert sich über die Zeit, dennoch haben wir zumindest ein Grundkonzept von uns. Und in diesem wollen wir möglichst bestätigt werden (=Selbstverifikation).
Wo beobachtet man dieses Phänomen im Alltag?
Vielleicht warst du schon einmal in einer Situation, das Gefühl zu haben, dass dir jemand aus unerklärlichen Gründen ablehnend und distanziert begegnet- obwohl du der Person eigentlich ein gutes Gefühl geben wolltest. Du hast sie vielleicht mit ehrlich gemeinten Komplimenten bestärkt, doch irgendwie kamen die nicht an.
Die Self-Verifikation theory bietet hier eine mögliche Erklärung: Komplimente sind natürlich schön und bitte behalte dir bei, andere Menschen auf positive Merkmale aufmerksam zu machen, wenn sie dir auffallen. Das ist eine sehr schöne soziale Eigenschaft! Allerdings muss ein Kompliment, damit es ankommt, im besten Fall mit dem Selbstbild der Person übereinstimmen, sonst kann es schnell irritieren oder ungewolltes Misstrauen auslösen. Sagen wir eine Freundin von dir ist niedergeschlagen, weil ihr Studium nicht so läuft, wie sie sich das vorstellt hat. Sie ist unstrukturiert, verpasst Abgaben und kommt mit dem Stoff einfach nicht hinterher. Mit diesem Problem wendet sie sich an dich. Um sie wieder aufzubauen sagst du ihr :,,Ich finde du bist total organisiert und diszipliniert.“Du magst das zwar einfach nur nett meinen, mit dem Ziel ihr Mut zu machen und sie aufzubauen, aber deine Freundin wird sich womöglich erstmal unverstanden fühlen und sich fragen „Sieht sie mich wirklich? Oder sagt sie das nur, um mich aufzubauen?“
Um zu vermeiden, diese Dissonanz bei deiner Freundin auszulösen, sodass deine Aufmunterungsversuche wirklich seine Wirkung erzielen, könntest du ihre Probleme zunächst mitfühlend anerkennen und sie anschließend für die Zukunft bestärken. ,,Manchmal kann das Studium wirklich herausfordernd sein, ich verstehe, dass sich das für dich schnell chaotisch anfühlt- trotzdem bewundere ich, dass du dich immer wieder aufraffst und nicht aufgibst!“
Praktische Tipps für den Alltag
Das Wissen um die Self- Verifikation- theory kann uns dabei helfen Empathie zu trainieren und einfühlsamer zu kommunizieren. Statt immer automatisch davon auszugehen, dass Komplimente der beste Ansatz sind, können wir uns fragen: ,,Was sieht sich die Person selbst in dieser Situation und was kann ich tun, um sie an diesem Punkt abzuholen?“ So hilft uns das, uns wirklich in unser Gegenüber hineinzuversetzen. Und wir stärken damit zwischenmenschliches Vertrauen, denn die Person wird eher das Gefühl haben, dass du sie siehst und wirklich kennst.
Mythencheck
,,Wenn jemand wütend auf Kritik reagiert, stimmt sie wohl!“
Bestimmt bist du auch schonmal über diesen Satz gestolpert. Im ersten Moment mag dieser plausibel klingen- vielleicht dachtest du dir auch schonmal ,,oh da hab ich wohl einen wunden Punkt getroffen“,wenn dein Gegenüber deine Kritik nicht annehmen wollte. Aber laut der Theorie von Swann lässt sich das nicht so pauschal sagen. Denn Menschen reagieren nicht nur gereizt auf Kritik, wenn sie im Innersten wissen, dass diese stimmt- sondern eben vor allem, wenn diese Kritik ihre Selbstwahrnehmung verletzt. Gerade dieser Widerspruch führt dann gerne zu einer emotionalen Reaktion. Bezeichnest du jemanden als chaotisch, obwohl sich diese Person selbst als sehr organisiert einordnet, fühlt sich diese von deiner Aussage womöglich missverstanden und unfair eingeschätzt. Die Wut ist in dem Fall ein Versuch, das eigene Selbstbild zu verteidigen.


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